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Ärzte sind keine „Nutznießer“ – sie gehören zum Rückgrat unserer Versorgung

Die Äußerung von Friedrich Merz, eine Kinderärztin sei als Teil des Gesundheitssystems auch „Nutznießerin“, ist mehr als eine unglückliche Formulierung. Sie zeigt ein problematisches Bild von denen, die unsere medizinische Versorgung Tag für Tag tragen.

Wer so über Ärztinnen und Ärzte oder auch jeden anderen im Gesundheitssystem arbeitenden Menschen  spricht, verkennt die Realität in Praxen, Kliniken, Notdiensten oder bei den Pflegediensten. Unser Gesundheitssystem braucht Reformen, ohne Frage. Es ist teuer, kompliziert und an vielen Stellen überbürokratisiert. Aber Reformen gelingen nicht, wenn man ausgerechnet diejenigen abwertet, die die Versorgung vor Ort am Laufen halten.

Ärztinnen und Ärzte sind keine bequemen Profiteure eines Systems. Sie tragen Verantwortung, beschäftigen Mitarbeitende, bilden aus, investieren in Praxen und kämpfen mit Bürokratie. Gleichzeitig müssen sie ihren Patientinnen und Patienten gerecht werden. Viele tun das unter Bedingungen, die mit einem normalen Arbeitsalltag längst wenig zu tun haben.

Warum diese Debatte auch Hameln-Pyrmont unmittelbar betrifft

Für Hameln und den Landkreis Hameln-Pyrmont ist diese Debatte alles andere als abstrakt. Ob Menschen zeitnah einen Hausarzttermin bekommen, ob ältere Menschen wohnortnah versorgt werden und ob Familien sich auf eine funktionierende medizinische Infrastruktur verlassen können, entscheidet ganz konkret über Lebensqualität.

Die Entwicklung in Niedersachsen zeigt, wie ernst die Lage ist. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen vom 11. August 2026 sind landesweit 436 Hausarztsitze, 66,5 Facharztsitze und 13,5 Sitze für Psychologische Psychotherapeuten unbesetzt. Insgesamt sind damit mehr als 500 Sitze in der ambulanten Versorgung offen.

Das sind keine abstrakten Zahlen. Sie zeigen, dass medizinische Versorgung längst nicht überall selbstverständlich ist.

Hinzu kommt der Generationenwechsel innerhalb der Ärzteschaft. Laut der Ärztestatistik 2025 der Bundesärztekammer vom 31. Dezember 2025, haben 23,4 Prozent der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland bereits das 60. Lebensjahr erreicht. Bei den Praxisinhaberinnen und Praxisinhabern liegt der Anteil sogar bei 44 Prozent.

Die Frage der Praxisnachfolge wird deshalb in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen.

Und das betrifft unsere Region unmittelbar und ist aktuell ja in Hameln auch Thema, man siehe nur auf die aktuellen Meldungen zur gynäkologischen Versorgung. Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen hat am 8. Juli 2026 ihre Arztzahlprognose für das Jahr 2040 vorgestellt. Darin wird Bad Pyrmont ausdrücklich als eine von mehreren künftigen Problemregionen der hausärztlichen Versorgung genannt. Gleichzeitig geht die Prognose davon aus, dass bis 2040 in Niedersachsen flächendeckend zwischen 50 und 90 Prozent der hausärztlichen Sitze allein aufgrund der Altersstruktur der Niedergelassenen nachbesetzt werden müssen.

Wir sollten deshalb nicht erst reagieren, wenn Praxen schließen und Nachfolger fehlen.

Die Kommunalpolitik darf nicht Zuschauer sein

Hameln-Pyrmont kann sich nicht darauf verlassen, dass Berlin oder Hannover die Probleme irgendwann allein lösen werden. Natürlich werden Honorare, Finanzierungssysteme und gesetzliche Rahmenbedingungen auf Bundes- und Landesebene entschieden. Aber ob eine Region für junge Ärztinnen und Ärzte attraktiv ist, entscheidet sich auch ganz konkret vor Ort.

Der Kreistag Hameln-Pyrmont hat die Gesundheitsregion nicht ohne Grund auf den Weg gebracht. Projekte wie „Praxis in Sicht“ sind wichtig, weil sie junge Medizinerinnen und Mediziner früh mit unserer Region in Kontakt bringen. Genau solche Ansätze müssen ausgebaut und stärker miteinander verknüpft werden.

Es darf aber nicht bei einzelnen Projekten bleiben.

Wir brauchen eine politische Linie, die medizinische Versorgung als zentrale Zukunftsaufgabe versteht. Gesundheitsversorgung, Wirtschaftsförderung, Familienfreundlichkeit und Digitalisierung gehören zusammen.

Wir müssen uns ehrlich fragen, was Hameln-Pyrmont für junge Ärztinnen und Ärzte attraktiv macht. Warum sollte jemand hier eine Praxis übernehmen? Welche Unterstützung gibt es bei Niederlassung und Praxisnachfolge? Wo können moderne Formen der Zusammenarbeit entstehen – etwa in Gesundheitszentren, in denen ärztliche Versorgung, Pflege, Therapie und digitale Angebote sinnvoll ineinandergreifen?

Diese Fragen müssen beantwortet werden, bevor die Versorgung wegbricht. Wenn eine Praxis erst einmal geschlossen ist und kein Nachfolger gefunden wurde, lässt sich das Angebot nicht einfach wieder herstellen. Dann verliert nicht nur ein Ort einen wichtigen Anlaufpunkt. Die gesamte Region verliert ein Stück Sicherheit.

Medizinische Versorgung ist Standortpolitik

Eine Arztpraxis ist nicht nur ein medizinischer Anlaufpunkt. Sie ist auch ein mittelständisches Unternehmen. Sie schafft Arbeitsplätze, bildet aus, zahlt Steuern und gibt Menschen Sicherheit. Wer eine Praxis führt, trägt unternehmerisches Risiko und gesellschaftliche Verantwortung zugleich.

Deshalb ist es falsch, Ärztinnen und Ärzte vorrangig als Kostenfaktor oder als „Nutznießer“ zu beschreiben. Wer die ambulante Versorgung immer weiter reguliert, gleichzeitig mehr Bürokratie produziert und dann erwartet, dass junge Medizinerinnen und Mediziner begeistert Praxen übernehmen, hat das Problem nicht verstanden.

Reformen sind notwendig. Sie müssen aber bei den tatsächlichen Problemen ansetzen: bei zu viel Bürokratie, bei zu wenig Zeit für Patientinnen und Patienten und bei fehlenden Perspektiven für Praxisnachfolgen.

Wer Versorgung sichern will, muss den Menschen mehr zutrauen, die jeden Tag Verantwortung übernehmen.

Dazu gehören Ärztinnen und Ärzte ebenso wie Medizinische Fachangestellte, Pflegekräfte, Therapeutinnen und Therapeuten. Ohne sie bleibt jedes Reformpapier Theorie.

Der Kreistag Hameln-Pyrmont sollte die medizinische Versorgung deshalb konsequent zur Priorität machen: bestehende Ansätze wie die Gesundheitsregion und Projekte zur Nachwuchsgewinnung bündeln, konkrete Versorgungsziele formulieren und frühzeitig erkennen, wo besonderer Handlungsbedarf entsteht.

Dazu gehört auch eine regelmäßige öffentliche Berichterstattung: Wo sind Praxisnachfolgen gefährdet? Welche Maßnahmen wurden ergriffen? Welche Orte brauchen besondere Aufmerksamkeit?

Gesundheitsversorgung darf nicht erst dann zum politischen Thema werden, wenn die Lücken bereits entstanden sind. Sie muss vorausschauend geplant und unterstützt werden.

Die Debatte um Friedrich Merz ist deshalb kein Nebenschauplatz. Sie macht deutlich, wie schnell eine politische Sprache entstehen kann, die die Leistung derjenigen kleinredet, auf die am Ende alle angewiesen sind.

Wer Versorgung sichern will, muss zuerst Respekt vor dieser Arbeit zeigen.

Denn wenn wir heute nicht handeln, diskutieren wir morgen nicht mehr darüber, ob Ärztinnen und Ärzte „Nutznießer“ des Systems sind. Dann diskutieren wir darüber, warum Menschen in Teilen unserer Region überhaupt keinen Arzt mehr finden.

Das dürfen wir nicht zulassen.

Kachel Gesundheit